100 beautiful first messages

Male_Men_Text

“Hetero White Male in Trouble” oder Wundervolle erste Nachrichten

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit Onlinedating, Gender und Alter

Superpowers, 2017, mixed media on canvas, 120 x 100cm
age_play, 2017, mixed media on canvas 100 x 120cm
love_is_blind, 2017, mixed media on canvas 100 x 120cm
do_I_love_older_man? 2017, mixed media on canvas 100 x 120cm

 

intimate_confessions 2017, mixed media on canvas 120 x 100cm
brutally_honest, 2016, acrylics on canvas, 120 x 100 cm
Hope_you_have_certain_underwear, 2017, mixed media on canvas 160 x 130cm
beautiful_slave, 2017, mixed media on canvas 190 x 130cm
In pursuit of oneself, 2017, mixed media on canvas 160 x 130cm
mirror_selfie, 2017, mixed media on canvas, 120 x 110cm
You go first! 2017, mixed media on canvas 100 x 120cm
you_have_sexy_breassst, 2016, acrylics on canvas, 60 x 80 cm

Dieses laufende Projekt, das 2015 begonnen wurde, zeigt Bilder und Texte , die ich mit meinem eigenen Profil auf einer Onlinedating Seite von Menschen männlichen Genders erhalten habe. Nachrichten, die je nach meinem eigenen Profilbild (mal nur ein Oberkörper mit offenherzigem Dekollete, mal ein Ganzkörperfoto oder ein Gesicht) mehr oder weniger sexualisiert waren wurden kombiniert mit non-verbalen Nachrichten in Form von Selbstdarstellungen im Bild ; die so entstandenen Hybride spiegeln eine Durchschnittserfahrung wider, einen Eindruck meiner Erfahrungen als Teilnehmerin des Geschehens. Diese ersten „wunderbaren Nachrichten“, wie ich sie nenne, werden also konfrontiert mit Bildern von Männern, so dass man geneigt ist anzunehmen, die abgebildete Person habe den Text geschrieben. In manchen Fällen wird man Addressatin und Abgebildeten verwechseln, zum Beispiel wenn von Schönheit die Rede ist und der Körper auf dem Bild auch „schön“ ist oder Ähnliches. Dies wäre dann die Umkehrung des Verhältnisses von Mann und Frau, wie man es kennt (weibliche Schönheit wird vom Mann bewundert) und tritt somit in die Sphäre des Detournement, der Verballhornung und Verdrehung.

Das Format des Polaroids mit dem für Text verwendeten weißen Grundraum schafft einen Eindruck von Unmittelbarkeit und Momenthaftigkeit. Die Technik der geschichteten Primärfarben bezieht sich auf Fotografie oder Druck und setzt damit kurzfristig traditionelle malerische Denk- und Wahrnehmungsweisen außer Gefecht, sorgt für Irritation und den Eindruck einer verschobenen Optik.

Ich möchte klarstellen, dass man mit einem sexy Foto nicht unbedingt in Kauf nehmen muss, verbal überfallen zu werden – ähnlich dem Argument, dass eine Frau in einem Minirock Vergewaltigung eben nicht “einlädt“. Dieses vorausgeschickt, stelle ich die Hypothese auf, dass beim Onlinedating, im Vergleich zu einer Anmache im richtigen Leben, Faktoren wie “gutes Benehmen”, Schüchternheit und Vorsicht zu einem Grad abfallen, also eine gewisse Enthemmung stattfindet. Ich kann ernsthaft berichten, dass ich in vier Jahren Online-Dating auf viele solcher Aussagen und Profile von implizitem Sexismus, von Altersdiskriminierung und Herablassung (patronizing) gestoßen bin. Anscheinend haben veraltete Konventionen, wie Frauen und Männer interagieren, eine Hochburg in diesem Feld des Online-Datings. Frauen spielen mit alten Mustern und verhalten sich abwartend, (aus Selbstschutz? aus Gründen der Zahlenverhältnisse 1:16?) passiv auf traditionelle Weise, und die größere Anzahl von Online-Männern zeigt drängelndes und aggressives Verhalten (nicht nur, aber auch). Selbst wenn sich die Menschen ihrer Konditionierung nicht bewusst sind, – und bei dieser Serie sind keine Beschuldigungen, Verurteilungen und Beschämungen beabsichtigt – befestigen sie doch solche herkömmlichen Muster, verletzen und entwürdigen oft. Die Bilder jedoch gehen auf humorvolle Weise mit einem satirischen Ansatz an den feministischen Kern. Daher schließe ich mit diesem scharfen Zitat einer Bloggerin, die nicht nur Frauen, sondern auch Männern Empathie entgegenbringt: “Wenn man die Ungeheuerlichkeit männlicher Gewalt anerkennt, würde die gewaltige Skala des Anspruchs einen so großen Perspektivwechsel erfordern, dass es einfacher ist, den Mund zu halten und nicht darüber zu reden und jeden zu isolieren, der es tut. Wir wollen es nicht hören. Es kann furchtbar unangenehm sein, wenn Männer von Frauenfeindlichkeit hören, besonders von ihren eigenen. Unglücklicherweise stoßen sie, sobald sie anfangen, über das Geschlecht nachzudenken und zu sprechen, oft auf eine schreckliche, unerschütterliche Tatsache: wie sehr Männer insgesamt Frauen verletzt haben. Das bedeutet, dass es für Männer sehr schwierig ist, über Männlichkeit zu sprechen, ohne sich damit auseinanderzusetzen, wie erschreckend und aggressiv Männlichkeit in ihrer modernen Form geworden ist. Es ist beängstigend. Es wird wehtun.”